Landwirt Matthias Schilling mit Weitblick

"Das Glück der anderen ist ein Schatz“

Matthias Schilling mit seiner Tochter

"Man muss offene Augen für die Möglichkeiten haben...“

Weitblick von der Insel Öhe zur Insel Rügen

Ein grauer Dienstag-Morgen, kurz nach zehn. Im Hafen von Schaprode krächzen Krähen im Nieselregen, die Insel Hiddensee verkriecht sich zwischen bleigrauem Himmel und stahlgrauem Bodden. Noch warten nur wenige Gäste, alle mit kleinem Gepäck, am Anleger der Hiddensee-Fähre, gerade gegenüber von Schillings Gasthof. 

Hier servieren Nicolle und Mathias Schilling seit 2011 saisonale und regionale Spezialitäten wie fangfrischen Hiddenseer Kutterfisch und Bio-Rindfleisch von der Insel Öhe. 

Öhe? Die wenigsten der am Kai Wartenden wissen von der winzigen Privat-Insel, die nur einen kräftigen Steinwurf – exakt 33 Meter sind es vom Bollwerk Schaprode bis zum Ostufer der Öhe – vor ihnen liegt. Mehr noch: Auch manch alt eingesessenem Rüganer oder Hiddenseer ist die Öhe ein allenfalls dem Namen nach vertrauter, magischer und sogar geheimnisvoller Ort.

Kein Wunder, schließlich führt kein Weg, kein Steg und keine Fähre auf die Insel, die seit dem 14. Jahrhundert in Familienbesitz ist. Die Abgeschiedenheit des Ortes und die liebenswerten Eigenarten einstiger Bewohner sorgten nicht selten auf dem Festland für Gerüchte und Geraune. Auch heute ist die Öhe für Touristen tabu. Daher kennen die wenigsten Menschen den historischen Gutshof mit Wohnund ehemaligem Gesindehaus, mit Scheune und offenem Stall, den kleinen privaten Insel-Friedhof, die salzigen Wiesen und zauberhaften Eichenalleen. Bei aller Romantik und Abgeschiedenheit ist die Öhe aber kein verwunschener Ort, ihre Bewohner sind keine weltfremden Robinsons.

Im Gegenteil. Als Mathias Schilling 2006 die Öhe von seinen Eltern übernahm – sein Vater war einst, zu DDR-Zeiten, über die Ostsee in den Westen geflüchtet, die Großmutter Wera brachte die Insel – eine Privatinsel! – mit Geschick und Mut durch die Strudel sozialistischer Politik – hatte er einen ambitionierten Plan. Er wollte nicht nur mit der eigenen Familie von den Schätzen der Insel – unberührte Natur zwischen Wasser und Wiesen, perfekte Lage zwischen Rügen, Hiddensee und dem Festland – leben, sondern beweisen, dass seine Insel mehr ist als ein privates Paradies. So begann ein abenteuerliches, manchmal kräftezehrendes Doppelleben als Insel-Herr mit biologischer Landwirtschaft, als Gastwirt, Unternehmer und Robin Hood einer ganzen Region. Die Region belebt Mathias Schilling mit Kreativität, Energie und Entschlossenheit.

Was treibt ihn an?

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Herr Schilling, es ist kurz nach 10 Uhr. Seit wann sind Sie auf den Beinen?

Seit 6.28 Uhr, wie jeden Tag.

Wie bitte? Warum nicht seit 6.30 Uhr? Oder 6.20 Uhr?

Weil meine Tochter jeden Morgen um 6.40 Uhr den Schulbus kriegen muss. Der fährt ab Schaprode. Wir müssen also erst vom Haus zum Hafen und dann mit dem Boot übersetzen. Das dauert exakt 12 Minuten. 

Wenn ich gut bin, schaffe ich nebenbei den ersten Kaffee. Danach ist zuhause Zeit für’s Frühstück. Um halb acht bin mit meinem langjährigen Mitarbeiter René Kenzler im Stall zum Füttern. Wir füttern natürlich das auf der Öhe selbstgemachte Heu.

Abgesehen von Fähre, Frühstück, Füttern – wofür stehen Sie mor- gens auf?

Jeder Tag, der einem gegeben wird, ist dafür da, neue Lösungen zu finden. Glück ist, wenn dabei das Erwartbare übertroffen wird.

Mit Ihren vielen Unternehmungen – wir stellen sie in diesem „Schatzinsel“-Magazin vor – sind Sie ein Motor für die ganze Region. Was ist Ihr Motor?

Vielleicht ein gewisser Jagd-Instinkt. Ich habe mich schon früh als Jäger und Sammler gefühlt. Immer, wenn ich etwas Altes sah und fand, habe ich rund um die Uhr überlegt: Wie kann man es bewahren, wie kann man es nutzen? Das konnte ein alter Tisch, ein alter Dreschkasten, ein alter Opel sein. 

Wenn ich heute leerstehende Gebäude oder ungenutzte Flächen in der Region sehe, habe ich sofort Ideen, was wir daraus machen könnten. Mein Ziel ist es, schöne Orte zu schaffen, an denen Menschen glücklich sein können. Das Glück der anderen ist ein Schatz, der auch mich glücklich macht. Wenn ich zum Beispiel lächelnde Besucher sehe, die in unserem Vitter Hofladen „Tante Hedwig“ (benannt nach der Tante meines Vaters) frühstücken, Kaffee trinken und den selbstgebackenen Kuchen essen oder nebenan im „Konservenladen“ die Feinkost der Hiddenseer Kuttterfischer kaufen, macht mich ihr Lächeln glücklich.

Woher kommen Mut, Kraft und Ausdauer, aus Ihren Ideen erfolgreiche Projekte werden zu lassen?

Aus einem gewissen Trotz. Mein Vater sagte einst: „Von der Öhe kann man nicht leben.“ Ich wollte ihm – und mir – das Gegenteil beweisen. Die Abwesenheit goldener Löffel war da durchaus hilfreich. Sie hat mich manchen Umweg machen und dadurch viele Erfahrungen sammeln lassen.

Beim Blick auf Ihre Familiengeschichte könnte man meinen, alles musste so großartig kommen, wie es jetzt ist. Aber so war es nicht?

Ganz und gar nicht. In all den Jahrhunderten ist niemand mit der Öhe reich geworden. Meine Großmutter hat die Insel durch die DDR-Zeit gebracht und unliebsame Gäste mit ihrem Spruch abgewehrt: „Ich bin kein Inter-Hotel!“ Auf die Insel durfte nur, wen sie mochte. Günter Grass zum Beispiel, in dessen Roman „Der Butt“ die Insel und meine Großmutter eine Rolle spielen. Mein Vater, der in der DDR nicht Medizin studieren durfte, flüchtete über die Ostsee in den Westen. Daher wurde ich in Schleswig- Holstein geboren, 1981. Die Verbindung zur Öhe war immer da.

Jeden Sonntag telefonierte mein Vater mit seiner Mutter. In den Sommerferien waren wir bei der Großmutter auf der Insel, aber auch auf Hiddensee und Rügen. Es war immer ein Stück Heimat für mich. Aber um hier zu leben und zu arbeiten, musste nicht nur die Wende geschehen.

Sondern?

Ich musste Ich werden...

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Wer den etwas kryptischen Satz verstehen will, muss Mathias Schillings Biografie kennen: Obwohl er schon mit zehn Jah- ren auf dem Trekker saß, bei der Heuernte und beim Mist- Umsetzen half und früh Spaß an harter Arbeit hatte, war er in der Schule kein Überflieger. Stattdessen schuftete er in den Ferien lieber auf der Öhe, kaufte und verkaufte mit 16 – mitten in der damaligen BSE-Krise – seine ersten Rinder und lernte, sich schon als Junge gegen Wi- derstände und vermeintliche Autoritäten stark zu machen. Als ein gestandener Kapitän ihm im Schaproder Hafen das Anlegen verwehren wollte, protestierte er erfolgreich: „Ich habe das gleiche Recht wie Sie!“ – und machte sein Boot am Kai fest. 

Noch erfolgreicher war er in einem anderen Boot: 1998 wurde er Deutscher Vize-Meister im Ruder-Vierer. Zum Abitur fehlte ihm hingegen eine Handbreit Wasser unter’m Kiel. Weil er aber gut Feste und Bälle organisieren konnte, bewarb sich Mathias für eine Ausbildung als Hotelfachmann. Es hagelte Absagen. Die einzige Zusage kam vom Berliner InterContinental Hotel. Bedingung: Mathias solle sich zunächst für ein Jahr als Page verdingen. Also schleppte er in chicer Uniform Koffer, parkte Autos, hielt Prominenten beim Bundespresseball die Türen auf. In der regulären Ausbildung tauschte Mathias die Pagen-Uniform zunächst gegen eine Tellerwäscher-Schürze. 2004 hatte er ausgelernt.

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Wie kriegten Sie die Kurve von Berlin zur Öhe?

Die Kurve führte zunächst über Australien. Ich lernte Land und Leute aber nicht nur als Tourist kennen, sondern arbeitete in der Landwirtschaft. Wochenlang schob ich täglich 18-Stunden-Schichten. Wichtigste Erkenntnisse:
1. Man muss Dinge aushalten können.
2. Mit harter Arbeit und starkem Willen hat man Erfolg.

Sie studierten ab 2007 an der Berliner Humboldt-Universität Agrarwissenschaften. Spätestens jetzt hatten Sie also einen Plan für die Öhe. Wie sah dieser aus?

Ich stellte mir die Frage: Wie können wir als junge Familie am Ort der Familie – also auf der Öhe – leben? 

Wie können wir eine Grundlage für uns und an- dere schaffen? Mit ökologischer Landwirtschaft – die Antwort lag nahe, denn hier gab es vor allem einen Schatz: Salzwiesen.

Auf ihnen, das war mir klar, können Rinder und Schafe artgerecht, nachhaltig und stressfrei leben. Was man am Fleisch schmeckt. Die Jungtiere wachsen hier auf und bleiben in der Regel 30 Monate auf der Insel. Die Mutterkühe werden sehr alt, sehen ihre Kälber aufwachsen. Ich kenne sie alle mit Namen. Außer dieser Idee, den ersten Kälbern – Esel und Kringel, die wir mit dem Eimer großzogen – und dem Mut von Nicolle und mir, hatten wir zunächst nichts: keine Verbindungen, keine Partner, kein Netzwerk ...

Wie wurden Sie von den Rüganern und Hiddenseern aufgenommen?

Anfangs war ich „der Wessi“. Heute bin ich „der Schilling“. Das ist doch ein Fortschritt.

Sie stellen Ihr Licht unter den Scheffel. Immerhin hat Mecklenburg-Vorpommern Sie zum „Einheitsbotschafter“ gemacht. Dabei waren Sie bei der Wiedervereinigung noch ein Kind.

Ich erinnere mich gut an den Abend des Mauerfalls. Mein Vater weckte mich, erklärte die Bilder der jubelnden Menschen im Fernsehen und sagte sofort, dass wir bald auf die Öhe ziehen sollten. 

Als wir dann dort waren, und besonders als ich 2011 den Gasthof in Schaprode übernahm, gab es gelegentliches Stirnrunzeln. Ich wollte aber niemandem etwas wegnehmen, sondern etwas aufbauen. Vorurteile überwindet man durch Arbeit, nicht durch Reden. Also habe ich hart gearbeitet. Heute fühle ich mich in Mecklenburg- Vorpommern nicht nur akzeptiert, sondern zuhause. Der Zusammenhalt der Menschen in der Nachbarschaft ist groß. Vieles ist nicht so festgefahren. Es gibt Platz für Pioniergeist, für Ideen und ihre Umsetzung.

Gibt es einen unternehmerischen Masterplan?

Ein profitables Unternehmen aufzubauen, das funktioniert und etwas anbietet was die Leute haben wollen. Wichtig ist mir auch, den Gewinn wieder in der Region zu investieren, neue Vermarktungsstrategien und Vertriebsstrukturen zu finden. 

Das klingt vielleicht banal, aber gerade die regionale Vernetzung, die Zusammenarbeit mit klugen, verlässlichen Partnern liegt mir am Herzen. Das lässt sich oft nicht planen, ergibt sich aus Begegnungen mit Menschen, manchmal aus Zufällen, aus augenblicklichen Eingebungen. Man muss offene Augen für die Möglichkeiten haben, ohne die Risiken aus dem Blick zu verlieren.

Wie begeistert wären Ihre Vorfahren über Ihr Tun?

Ich denke doch, dass sie stolz auf mich wären. Ich bemühe mich, das Erbe – also die Öhe – als besonderen Ort zu bewahren, der in die Region ausstrahlt. Bewahren und entwickeln – meiner Großmutter, die 1996 starb, hätte das sicher gefallen. 

Auch, dass aus dem Pagen und Tellerwäscher von einst doch etwas wurde.

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Kennen Sie Zweifel?

Klar. Vermutlich bin ich mein größter Zweifler. Wichtig ist, dass man nicht verzweifelt, sondern aus Fehlern lernt. 

Ich musste zum Beispiel lernen, Dinge auch abzugeben, zu delegieren, nicht alles bis zum letzten Detail selbst in der Hand zu halten. Ich möchte niemanden ausbeuten – auch mich selbst nicht. Nur mit Empathie anderen und sich selbst gegenüber kann man sich den Spaß am Tun erhalten – und andere für die eigenen Ideen begeistern.

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