Der lange Weg zum FKK

Die Anfänge der Badekultur: Als Baden im Meer noch tabu war
Bis ins späte 18. Jahrhundert hinein waren die meisten Menschen wasserscheu wie Katzen. Statt auf Wasser, Seife oder Bad im Meer setzte, wer es sich leisten konnte, lieber auf Parfüm und Puder. Ein Wellenbad im Meer wäre allein schon wegen mangelnder Schwimmkenntnisse lebensgefährlich gewesen. Auch Sonnenbäder waren verpönt. Mit Hüten und Schirmen schützte die wohlhabende Oberschicht ihre vornehme Blässe, braungebrannt waren allein Arbeiter, Bauern, Seefahrer.

Vom Fischerdorf zum Kurort: Wie der Badeurlaub entstand
Nur langsam brachten Aufklärung und Wissenschaft ein neues Verständnis von Hygiene, Gesundheit und Wohlbefinden. Der britische Arzt Richard Russel veröffentlichte 1750 eine Studie über die Heilkräfte des Meerwassers bei Drüsenerkrankungen und sorgte damit international für Aufsehen. Fortan kurierte der Adel Schwermut und Langeweile am liebsten mit einem Aufenthalt am Meer. Ein Bad im kalten Salzwasser verhalf sogar den trübsinnigsten Melancholikern zu neuem Schwung und galt bald als Allheilmittel gegen echte oder eingebildete Krankheiten der Oberschicht wie Hysterie, Rheumatismus, Gicht und Fettleibigkeit.
Eine neue Art Kur-Urlaub war geboren und mit ihm der moderne Tourismus. In Großbritannien entwickelten sich Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts viele Küstenorte in rasant kurzer Zeit von armen Fischerdörfern zu beliebten Touristenorten. In einem verrückten Bauboom entstanden prachtvolle Kurhäuser, Badeanstalten, Aquarien, Kasinos und Hotels. In dieser schicken Umgebung sprang man natürlich nicht schnöde ins Meer. Streng getrennt nach Männlein und Weiblein wurde man per Badekarren ins ufernahe Wasser chauffiert. In eleganten Badekostümen, die jeden Zentimeter Haut verdeckten, glitt man kurz ins kühle Nass. Dreimal eintauchen und fix wieder in den Badekarren klettern, das war lange Zeit die goldene Baderegel.
Heiligendamm: Das erste Ostseebad und der Beginn des Badebooms
Deutschland schwamm der neuen Bade-Welle zunächst hinterher. Das erste Ostseebad entstand auf Initiative des Arztes Prof. Samuel Gottlieb Vogel 1793 in Heiligendamm. Vogel verordnete Friedrich Franz I., Herzog von Mecklenburg-Schwerin, ein heilendes Bad am »Heiligen Damm« in der Ostsee. Nach englischem Vor- bild ließ der Herzog daraufhin die ersten Badehäuser bauen, 1816 folgte das klassizistische Kurhaus mit 250 m² großem Ballsaal. Der erste Kurort an der Ostsee war entstanden. Kamen in den Anfangsjahren nur wenige Tausend betuchte Badegäste, setzte im Lauf des 19. Jahrhunderts an der ganzen Ostseeküste ein sprunghafter Aufschwung ein.
Fürst Wilhelm Malte I. zu Putbus brachte den neuen Badetrend nach Rügen. Im Badehaus Goor leiteten Bedienstete das Meerwasser zunächst nur in marmorne Wannen, doch schon bald sah man auch am Binzer Sandstrand die ersten Badekarren ins Meer fahren. Eine Strandpromenade entstand, dazu eine Badeanstalt, Kurhotels, eine Kleinbahn und prachtvolle Villen im neuen Bäderstil. Aus dem Fischerdorf Byntze wurde Binz, das erste Ostseebad auf Rügen.
Doch auf Hiddensee war an Tourismus noch nicht zu denken. Allein die Anreise war zugleich Abenteuer und Zumutung, denn einen Hafen mit Anlegestelle gab es nicht. Vom Tourenschiff Stralsund-Wittow rief man für Reisende mit Ziel Hiddensee über ein Signal den Fährmann. Diese kletterten über Bord auf sein Ruderboot und wurden an das flache Ufer der Fährinsel gebracht, auf der nur zwei kleine Fischerkaten standen. Je nach Lust und Laune trug der Fährmann dann die weiblichen Gäste über den schmalen Wasserweg, der die Fährinsel von Hiddensee trennte. Den Herren blieb nichts anderes übrig, als hindurch zu waten.
Gerhart Hauptmann und Hiddensee: Wie die Insel zur Künstlerkolonie wurde

Die wenigen Reisenden, die die abgeschiedene Insel erreichten, hatten nicht viel Verlockendes zu berichten. So durchwanderte der Anklamer Autor und Pädagoge Karl Nernst um 1800 Rügen und kam auch nach Hiddensee. Zu jener Zeit zählte die Insel rund 500 Einwohner, die meisten von ihnen arme Leibeigene und Fischer. In seinem Buch „Karl Nernst‘s Wanderungen durch Rügen“ berichtete der Autor eindringlich von Elend und Armut der Bevölkerung und dem Hunger der zerlumpten Kinder. Im Jahre 1872 wurden die meisten der baufälligen Räucherkaten der Hiddenseer bei der großen Sturmflut zerstört. Nach dem Wiederaufbau ging es langsam aufwärts. Besonders durch drei Ereignisse machte Hiddensee von sich reden: Auf seiner Hochzeitsreise 1885 besuchte der damals noch kaum bekannte Dichter, der spätere Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann die Insel zum ersten Mal. Jahre später wurde er zum Stammgast. Als er 1930 das „Haus Seedorn“ erwarb, lagen schon viele Hiddensee- Aufenthalte hinter ihm und die Insel hatte längst einen Ruf als Künstlerkolonie.
Der Dornbusch-Leuchtturm und die Dampfschiffe: Hiddensees Aufbruch in den Tourismus
Mindestens genauso wichtig wie Hauptmanns Hiddensee-Liebe war am 17. Juli 1887 die Ankunft des Dampfers „Germania“ in Kloster, das ab Juli 1892 regelmäßig vom Salon- und Postdampfer „Caprivi“ angesteuert wurde. Die unbequeme Anreise mit dem Fährmann war nun Geschichte.
Ein weiteres Highlight der Geschichte Hiddensees war 1888 der Bau des ersten Leuchtfeuers mit Lichtapparat auf dem Dornbusch. Der hohe Turm ist bis heute das Wahrzeichen der Insel.

Vom Geheimtipp zur Künstlerinsel: Tourismus auf Hiddensee

Nach 1900 entstanden auf Hiddensee die ersten echten Hotels. Das Hitthim, das Hotel zum Dornbusch, die Pension Wieseneck und das Bergwaldhotel Zum Klausner boten ihren Gästen meist nur bescheidenen Komfort. In den unbeheizten Zimmern gab es zunächst weder Strom noch fließend Wasser.
Der Tourismus wuchs zwar, blieb aber bescheiden. Um ihn anzukurbeln, erschienen Anfang des 20. Jahrhunderts gleich zwei Hiddensee-Reiseführer mit bombastisch klingenden Titeln. 1905 schrieb der schrullige Schauspieler und eher glücklose Gastronom Alexander Ettenburg einen ersten Hiddensee-Reiseführer über „das Ostseebad der Zukunft“.
1914 erschien ein weiteres Büchlein mit dem klangvollen Titel „Hiddensee, das Capri von Pommern“. Verfasst wurde es vom Historiker Arved Jürgensohn, der auf der Insel in einem Sommerhäuschen Betten vermietete. Beide Bücher beschreiben die Zeit, als Hiddensee zum Sehnsuchtsort von Künstlern, Lebensreformern, Schwärmern aller Art wurde und Geschäftsleute die Insel für ihre Unternehmungen entdeckten. Dennoch blieb es im Vergleich zu anderen Badeorten sehr ruhig auf der Insel. Hier entstanden weder Kurhäuser noch Kasinos, weder Promenaden noch Tennisplätze. Sogar das Benutzen von Motorfahrzeugen wurde untersagt.
Gerade wegen ihres unverbauten, naturnahen, vielleicht ein wenig rauhen Charmes gilt die Insel Hiddensee bis heute als Geheimtipp für Naturliebhaber, Strandläufer, Bernstein- und Glückssucher.






