Möwen sind musikalisch!
HOLGER TESCHKE IM GESPRÄCH

Warum kommt nach Ihrem großartigen Herings-
Buch ausgerechnet ein Buch über Möwen? Dorsche
und Zaunkönige sind doch auch nette Tiere.
Möwen und Heringe gehören für mich seit meiner Kindheit zusammen. Mein Vater brachte Heringe von See nach Hause und ich musste lernen, sie auszunehmen und zu filetieren. Meine Mutter fluchte auf die Möwen, wenn sie Wäsche auf der Leine hatte. Statt eines Hahns weckte mich oft eine Möwe auf unserem Schornstein. Aber ich habe ihre Eleganz und Frechheit schon früh bewundert. Später haben sie mir überall auf der Welt das Gefühl gegeben, zu Hause zu sein.
Apropos „Welt“: Stellen wir uns einen Leser auf einer
fernen Schatzinsel vor, der keine Möwen kennt. Wie
füllen Sie seine Wissenslücke?
Auf welcher Insel soll es bitte keine Möwen geben? Ich habe noch keine gefunden, die Möwen sind da, sobald sich eine Sandbank aus der See hebt. Aber sollte jemand noch nie eine Möwe gesehen haben, würde ich ihm oder ihr sagen: Möwen sind die klügsten und kühnsten und schönsten und schnellsten Vögel der Küsten und der Meere. Weiß wie die Gischt der Brandung, laut wie der Sturmwind, verfressen wie Kreuzfahrtpassagiere.
Das klingt nach Liebeserklärung…
Mit den Möwen verbindet mich ihre Liebe zum Meer und zu den Fischen. Mich fasziniert die Eleganz ihres Fluges, ihre Fähigkeit, allen Widrigkeiten von Wind und Wetter zu widerstehen, ihre Respektlosigkeit und ihre Schlauheit. Ich habe sie auf fast allen Kontinenten gern beobachtet, am liebsten auf der Sassnitzer Mole als Kind, auf Ost-und Nordsee als Kutter-Maschinist, und auf Atlantik und Pazifik bei Walbeobachtungen.
Konnte Sie da bei der Arbeit am Buch noch etwas
überraschen?
Das ist einer der dümmsten Verse über Möwen, wahrscheinlich wird er deshalb so gern zitiert. Möwen brauchen keine Menschennamen, dafür gibt es wunderbare Möwennamen: Silbermöwe, Sturmmöwe, Elfenbeinmöwe, Korallenmöwe, Eismöwe, Polarmöwe – schon mal gehört oder gesehen?
Nein, aber ich werde auf der Sassnitzer Mole Aus-
schau halten. Schließlich wuchs ich wie Sie in Sass-
nitz auf. Die nahe Insel Öhe kannte ich aber als Kind
nicht. Und Sie?
Auf die Öhe habe ich als Kind geschaut, wenn wir bei Eier-Keil saßen und auf die Fähre nach Hiddensee warteten. Und später als Student, weil wir immer zu Silvester nach Vitte gefahren sind. Da gabs ein Zimmer unterm Dach der Sparkasse, das nur zu Silvester frei war. Als ich 2004 an meinem Buch „Inselzeiten“ schrieb, habe ich mich im Stralsunder Stadtarchiv mit der Geschichte der Insel Öhe und der Familie Schilling beschäftigt. Matthias lernte ich kennen, als er gerade den Gasthof übernommen hatte. Ich kam von Hiddensee und der Bus war weg. Da hat er mich in seinem alten Volvo mitgenommen, wir haben zu erzählen angefangen – und haben uns heute immer noch was zu erzählen.





